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Andere Seiten – Frei Geschriebenes von Peter Sprong

  • Milchzähne

    Juli 28th, 2022

    Erik trinkt seinen Tee mit Milch. Jeden Tee. An diesem Morgen ist es ein Pfefferminztee. Der Beutel schwimmt in einem Becher aus Pappe. Er schwimmt obenauf, weil die Maschine mit dem heißen Wasser gleich am Anfang der Kantinentheke steht. Die Teebeutel gibt es aber erst an der Kasse. Dann noch der Weg von der Kasse bis zum Tisch, die Zeit, die man braucht, um eine Stelle zu finden, an der sich die Umverpackung des Teebeutels aufreißen lässt – dann endlich, wenn die Wassertemperatur längst weit unter den 100 Grad liegt, die das Teewasser haben sollte, aber schon beim Austritt aus der Maschine nicht hatte, berührt das fein gewobene Teesäckchen endlich die Wasseroberfläche und schwimmt darauf wie eine Luftmatratze im Hotelpool.


    Nur ganz allmählich saugen sich die Reste von Teeblättern, die in dem Beutel vertrocknet beieinander liegen, voll mit Wasser und geben dabei einen Hauch von Farbe an ihre Umgebung ab. Wenn man nur zusieht und gar nichts tut, so wie Erik, wird das Wasser kalt sein, bevor der Tee fertig ist. Ich muss mich beherrschen, um nicht zu seinem Tablett hinüber zu greifen und an dem kleinen Papier-Quadrat zu ziehen, das am anderen Ende der Teeschnur, außen an der Tasse, baumelt.


    Erik weiß nicht, wie man Beuteltee zubereitet. Nur, dass die Engländer ihren Tee mit Milch trinken, das haben sie ihm zu Hause erzählt. Das weiß er. Und jetzt, da er selbst zum ersten Mal hier ist, in Europa, will er beweisen, dass er sich auskennt. Von der Kantinentheke hat er sich eine kleine Packung Vollmilch mit an den Tisch gebracht. Sie ist leicht zu öffnen, ein Drehverschluss, aus dem die Milch in einem dicken Strahl hinaus fließt. Sie trifft den schwimmenden Teebeutel mit einiger Wucht und drückt ihn unter Wasser. Mit einem Teelöffel rührt Erik das Weiße unter das Durchsichtige. Der Faden, an dem der Teebeutel hängt, wickelt sich um den Löffel. Jetzt schwimmt auch das kleine Papierquadrat auf dem Milchtee.
    Erik zeigt seine weißen Zähne. Milchzähne, denke ich, denn die beiden Reihen mit den großen Zähnen leuchten wie frische Milch in seinem schwarzen Gesicht, wenn er lacht. Er lacht über sich selbst, über sein Ungeschick im Umgang mit kontinental-europäischen Gepflogenheiten. Vielleicht lacht er aber auch über die Gepflogenheiten. Über die Umstände und die Mühen, die wir uns mit den aller einfachsten Dingen machen.

    Dort, wo Erik herkommt, trinkt man Wasser aus dem Brunnen oder aus dem Fluss, obwohl man beides nicht trinken sollte, wenn es nicht vorher eine Weile auf dem Feuer gestanden hat. Trotzdem tut es jeder, zumindest jeder, der arbeiten muss auf den Feldern. Den Pflug ziehen sie dort noch selbst, weil die meisten Tiere die Dürre und die Hitze nicht über-leben. Irgendwann sind sie so entkräftet, dass sie einfach keinen Schritt mehr tun auf dem Acker. Dann treiben wir sie aus dem Dorf, sagt Erik und macht eine Handbewegung über dem Kopf. Man versteht, dass sie die Tiere mit Stöcken schlagen. Danach kümmert sich niemand mehr um sie. They die, sagt Erik. Sie töten sie nicht. Sie lassen sie einfach sterben, irgendwo hinter dem Horizont.


    Hier, in den Stockwerken über uns, sterben sie auch. Täglich. Trotzdem ist in der Universitätsklinik die Regel eher die Ausnahme. Die meisten verlassen diesen Ort gesünder als sie gekommen sind. Einige werden sogar geheilt. Auf dem Weg von der Röntgenstation zur Kantine haben wir Studenten gesehen. In kleinen Gruppen saßen sie an den Tischen in den Fluren, ihre Laptops vor sich. How long to be a doctor? wollte Erik wissen. Viele Jahre, sagte ich, weil ich die Antwort nicht genau kannte und Erik zeigte seine Zähne. Dann könne er wohl kein Arzt werden. Nein, wahrscheinlich nicht. Eigentlich interessiert er sich auch eher für Autos. Eine Ausbildung zum Mechaniker will er machen, wenn er bleiben darf. Und bleiben darf er, wenn es stimmt, dass er noch nicht erwachsen ist.


    Deshalb sind wir hierher gekommen: um das zu beweisen. Um zu beweisen, dass sie ihm bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum in die Papiere gestempelt haben. So können sie ihn am schnellsten wieder abschieben. Aber Erik ist ihnen entwischt. In ein paar Wochen werden sie ihn bei der Polizei zur Fahndung ausschreiben. Bis dahin brauchen wir den Beweis: ein Röntgenbild seiner Handwurzel, eine Aufnahme vom Innenleben der schwarzen Hand, die er in diesem Moment umständlich abknickt, um den quadratischen Papieranhänger der Teeschnur aus seinem Pappbecher zu fischen. Dann nimmt er die andere Hand hinzu, umgreift den Becher von beiden Seiten und führt ihn an die Lippen. Bei jedem Schluck bewegt sich in seinem Hals ein beachtlicher Adamsapfel auf und ab.


    Ich frage ihn, ob das eben seine erste Röntgenaufnahme war und verwende dafür das englische Wort für Röntgen: „X-Ray“. Er weiß nicht, was ich meine. Ob früher schon mal jemand in ihn hineingesehen habe, formuliere ich neu. Erik schüttelt den Kopf: Machine like this. In Africa: no! Jetzt zeige ich meine Zähne und löffle aus einem kleinen Einmachglas den Rest des Joghurts, den ich mir an der Kantinentheke zum Frühstück ausgesucht habe, um wenigstens irgendetwas gegessen zu haben, bevor sie uns das Ergebnis mitteilen.


    Wir können es uns gleich im Zimmer des Arztes abholen – zwei Stunden nachdem sie Erik in eines der Röntgenzimmer gerufen haben. Es wird sogar ein kurzes Gespräch geben. Der Arzt – es ist der Chef der Kinderklinik persönlich, ein junger Mann noch, schlank und mit ehrlichen Augen – wird uns an seinen langen Tisch bitten, auf dem schon ein großformatiges Buch bereit liegt: ein Bildband, mehrere hundert Seiten. Auf Englisch wird er uns erklären, dass man in diesem Buch erfährt, was die Röntgenbilder zu bedeuten haben. Auf jeder Seite ist eine neue Röntgenaufnahme abgebildet. Auf der Seite daneben ist aufgeschrieben, was genau zu sehen ist.


    Es gibt zwanzig Aufnahmen von Handwurzeln, für jedes Lebensjahr eine. Die Bilder tragen gleichförmig formulierte Überschriften: Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 1 Jahr alt. Dann, eine Seite weiter: Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 2 Jahre alt. Man sieht, wie die Hand größer wird. Der Arzt blättert Seite für Seite um. Als er beim zehnten Lebensjahr ankommt, zieht er einen Stift aus der Brusttasche seines weißen Kittels und zeigt auf eine Stelle am Handgelenk. Man sieht, was es nur in der Negativwelt der Röntgenbilder gibt: einen weißen Schatten zwischen zwei Knochenteilen. Wachstumsfugen, sagt der Arzt. Der Körper lässt Platz für das, was noch zuwachsen muss. Ich denke: Wir sind auf Lücke gebaut. Mit jeder Seite, die der Arzt umblättert, werden die Lücken kleiner. Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 16 Jahre alt: Jetzt sieht man die weißen Schatten nur noch, wenn man sie schon vorher verstanden hat. Beim 18jährigen Patienten sind sie fast verschwunden, zwei Seiten später sind sie tatsächlich weg. Danach kommt nichts mehr. Das Kapitel Wachstum endet – was die Knochen betrifft – im Alter von 20.

    Dann schaltet er das Licht hinter der Aufnahme an, die man vor zwei Stunden von Eriks Handwurzel gemacht hat. Sie zeigt nicht den Hauch eines Schattens. You must be older than 18, sagt der Arzt und dabei schaut er Erik an, als habe er ihm soeben einen Tumor in seiner Lunge erklärt. Es tut ihm tatsächlich leid. Er hätte Erik gerne zu einem Argument verholfen, zu einem Bildbeweis, den er hätte vorzeigen können – bei Gericht, als Argument gegen seine Abschiebung, als Bestätigung dafür, dass er den ganzen Weg nicht umsonst gemacht hat: die 5-tägige Fahrt mit zwölf anderen auf der Ladefläche eines Toyota-Jeeps quer durch die Wüste, das Lager in Libyen, die Zeit der Zwangsarbeit dort, die Toten überall und das kleine Kind, das ihm mit einem Messer fast den Arm zersticht; die Überfahrt mit dem Schlauchboot, in dem sie drei selbsternannte Steuermänner über Bord werfen, weil sie irgendwann zugeben müssen, dass sie in Wirklichkeit keinen Schimmer davon haben, wie man ein Boot über das Mittelmeer bringt; schließlich das Versteck unter den Autos auf einem Autozug, der fabrikneue Modelle von Mailand nach München fährt; die erfolglose Flucht vor der Polizei dort, dann die Überstellung in das Auffanglager, wo man ihm die Volljährigkeit in die Papiere stempelt.
    Jetzt soll er auf schnellstem Weg wieder zurück – zurück an einen Ort, von dem es im Internet eine Satellitenansicht gibt, den es aber für ihn nicht mehr gibt. Es gibt kein früheres Leben mehr, kein Herkommen, keine Vergangenheit. Aber ohne die weißen Schatten, gibt es auch keine Zukunft. Nicht hier.


    Der Arzt wird versuchen, tröstende Worte zu finden: Auch das zeige ja die Aufnahme seiner Knochen: dass ihm nichts fehle. Ein gesunder junger Mann sei er: Das ist auch sehr wichtig. Very important. Erik wird dazu nicken, gleichzeitig wird sich sein Adamsapfel nervös auf und ab bewegen. Die feuchten Augen wird er hinter der Hand verstecken, deren Innenleben ihn überführt hat und die er dem Arzt zum Abschied hinhält, wenn der ihm viel Glück wünscht und alles Gute.


    Und zwei Monate später werde ich über eine Anwältin erfahren, dass man Eriks Handwurzel schon einmal untersucht hat – gleich am Anfang, als er ankam im deutschen Auffanglager, als sie seine Angaben zum Alter überprüft haben. Einen Moment lang werde ich mich über die dreihundert Euro ärgern, die ich für die Chefarztbehandlung gezahlt habe. Aber jetzt sitze ich mit Erik beim Frühstück in der Kantine der Universitätsklinik. Er kann nichts essen und will nur einen Tee trinken. Einen Tee mit Milch, wie ihn die Engländer mögen.

  • Vatersohn

    Juli 28th, 2022

    Früher, in der alten Zeit, als man noch mit einem Bleistift in den Kalender eintrug, was man nicht vergessen wollte oder jedenfalls meinte nicht vergessen zu sollen, da hätte ich diesen 15. April ebenso unbemerkt verstreichen lassen wie den 15. April des vergangenen Jahres und des Jahres davor oder des Jahres davor oder des Jahres davor. Für den 15. April hätte es in den letzten drei, fast vier Jahrzehnten keinen Eintrag gegeben. Nur sehr viel früher, als ich noch gar keinen Kalender führte, hätte ich schon beim Erwachen am Morgen des 15. April daran gedacht, dass Mark seinen Geburtstag feiert. Am Nachmittag wäre ich eingeladen gewesen: zu einem Fest mit Schokoladen-Wettessen und Luftballons. Vielleicht mit einem Ausflug in den Wald. Mark lebte am Waldrand. Vor den Rollladen seines Fensters schlugen die Äste der Bäume, wenn es stürmte. Vielleicht habe ich sieben oder acht dieser Geburtstage mit ihm gefeiert. Vielleicht waren es einige mehr. Vielleicht einige weniger. Was weiß man schon?

    Irgendwann, soviel ist sicher, haben wir uns – wie man so sagt – aus den Augen verloren. Und sind uns damit aus dem Sinn gegangen, dem Sprachgebrauch gefolgt. Nichts weiter. Kein Streit. Keine besonderen Vorkommnisse. Nur das Übliche. Das Übliche, das passiert, während wir nicht hinsehen. Der sogenannte Lauf der Dinge – neuerdings aufgezeichnet von Computerprogrammen, die nahezu jeden Menschen auf der Welt namentlich zu kennen scheinen und ihn mit allen übrigen Menschen bekannt zu machen streben; die aufzeichnen, speichern und auf Nachfrage die Inhalte ihres potentiell unendlichen Gedächtnisses reproduzieren.

    Erst mit Hilfe dieser Intelligenz, die man künstlich nennt, wurde ich eines Tages wieder an den Geburtstag von Mark erinnert. Jahr für Jahr: Gratuliere Mark zum Geburtstag! Ich bin der Aufforderung nie gefolgt. Ebenso wenig wie er, wenn im Sommer, vier Monate nach seinem Geburtstag, der Hinweis auf den Jahrestag meiner Geburt in seinem Mailprogramm auftauchen musste. Wir hatten unsere lange zurückliegende Freundschaft digitalisiert. Aber nicht aktiviert. Wir standen in einer ruhenden Verbindung. Außerhalb der als „Timeline“ bezeichneten Reichweite des Computerprogramms. Uneinholbar vergangen.

    Trotzdem schaue ich mir diesmal die Einträge an. Einer Eigenart folgend überspringe ich die opeben Einträge und fange weiter unten an zu lesen, bei den älteren Einträgen. Ein kurzes Wischen führt mich drei Jahre zurück in ein Universum, das ich nicht kenne, geschweige denn wieder erkenne. Mark züchtet jetzt Hunde. Amerikanische Bulldoggen. Hässliche Tiere. Sogar die Neugeborenen, fotografiert im Rotlicht einer Wärmelampe, erinnern mich an missgestaltete Embryonen. Aber die Biester holen sogar Preise bei internationalen Wettbewerben.

    Dann, zwei Jahre alt, erscheint ein dunkles Bild. Fast schwarz. Erst bei genauerem Hinsehen sehe ich schemenhaft die Umrisse eines Gesichts, dessen Besitzer niemand näher kennenlernen möchte. Darunter hat Mark notiert:

    „Nur weil Du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind.“

    Das nächste Bild zeigt einen unförmig dicken Mann, der eingeklemmt hinter dem Lenker seines fahrenden Wohnzimmersessels sitzt, einer Art elektrisch betriebenem Einkaufswagen. Er trägt eine Batman-Maske und ein zelthaftes schwarzes T-Shirt. Dazu schreibt Mark ein paar Zeilen über seinen Versuch, beim Discounter Gambas zu kaufen:

    „Alter! Überall diese Einkaufspaniker, die meinen es gäbe nächste Woche nix mehr…parken wie Mongos schräg über 2 Parktaschen…dem nächsten der mich mit dem Einkaufswagen anrempelt, hau ich eine rein…“

    Weiter unten erzählt er, der Einkauf habe ihn am Ende derart ermüdet, dass er schließlich doch im Fast Food Restaurant gelandet sei. Und ein Foto lässt ahnen, dass er dort inzwischen Stammgast ist: Ich schätze sein Übergewicht auf rund drei Zentner. Das einzige, was mir an diesem Mann noch bekannt vorkommt, ist die Art, wie er die qualmende Zigarette im Mundwinkel hängen hat. Genau so haben wir damals schon geraucht. Heimlich. Hinter Gebüschen und an Bahndämmen. Meist eine ganze Packung, weil keiner die übrig gebliebenen Zigaretten bei sich verstecken wollte. Schon gar nicht Mark. Sein Vater, sagte er damals, würde ihn auseinandernehmen, wenn er die Kippen fände. Auseinandernehmen. Dem Dicken auf dem Foto wird gleich der Rauch im linken Auge brennen. Deshalb kneift er es etwas zu. Das Bild ist schwarz-weiß, aber ich weiß, dass es ein grünes Auge ist. Grün mit einem inneren Kranz in Gelb, der wie ein Sonnenring die tiefschwarze Pupille einfasst.

    Ich erinnere mich, wie er über mir liegt. Sein Gewicht auf mir, seine Hände an meinen Handgelenken wie festgenagelt neben meinen Ohren. Alle in der Schule nennen ihn den „starken Mark“. Alle haben Angst. Und an diesem Tag bin ich dran. Einfach so, denn Gründe braucht Mark nicht. Ich kann mich nicht bewegen, und er kommt mit seinem Gesicht ganz nah an meines. Ich sehe den Sonnenring im grünen Auge, etwas verborgen hinter dem Augenlied. Dann sagt er: Rotze gefällig? Und grinst. Ich weiß, was kommt. Ich habe gesehen, wie er das bei anderen gemacht hat, habe im Kreis seiner Zuschauer gestanden wie bei einem Boxkampf. Unter den Wangenknochen bewegt sich etwas. Es sieht aus, als ob er auf etwas kaut oder etwas hervorholt von unten. In der Mundhöhle höre ich es schmatzen. Dann quellen weiße Bläschen zwischen den Lippen hervor, Milchiges sammelt sich. Man kann den Kopf zur Seite drehen, aber das wird nichts nutzen. Nur nicht auf den Mund schauen. Stattdessen: Ein schwarzer Kreis, ein Sonnenring. Innen alles in Aufruhr. Vibrieren. Ich weiß: Das Milchige ist schon unterwegs zu mir, aber es kommt nicht an. Er hat es zurückgeholt. Im letzten Moment wieder eingesaugt.

    Ich zoome aus dem Auge heraus, sehe, dass sich in seinem Hals etwas bewegt. Da, wo später ein Adamsapfel wachsen wird. Mark grinst. Er lockert seinen Griff an meinen Handgelenken, das Gewicht auf mir verschwindet. Er steht auf. Dann reicht er mir seine Hand, hilft mir nach oben. Ich weiß nicht, warum er das macht. Eine Ausnahme macht. Bei mir. Er sagt, so dass nur ich es hören kann: Komm mit. Und wir gehen – an den anderen vorbei. Seine Hand liegt auf meiner Schulter. Seitdem sind wir befreundet. Einladungen zum Geburtstag, Sommernachmittage im Wald, Sprünge vom Fünfmeter-Turm des Freibads, Hand in Hand, Busfahrten in die Ferienfreizeit, Fahrradtouren.

    Einmal, zwei Jahre nach der Hand auf meiner Schulter, vielleicht auch drei, sitzen wir im Wohnzimmer seiner Eltern auf dem Fußboden…

    Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de

  • Who Cares?

    Juli 28th, 2022

    Auch dieser See hat ein gegenüberliegendes Ufer. Es liegt hinter der Erdkrümmung, hinter dem, was wir den Horizont nennen. Nur deshalb konnte er damals hierher umziehen. Weil der See, vom Ufer aus betrachtet, genauso gut ein Meer sein könnte. Und ohne Meer, sagte er immer, könne er nicht leben. Deshalb ist sein Name jetzt in diesem Teil der Welt eingraviert. In einer Marmorplatte, etwas größer als ein Handteller. Die Buchstaben seines ursprünglich sehr deutschen Vornamens und des holländischen Nachnamens, den wir teilen, mit leichtem Schwung ausgeführt. Goldfarben. Ein halbes Dutzend freistehender, meterhoher Wände haben sie auf einem hügeligen Gelände oberhalb des Sees hintereinander aufgereiht, in jeder Wand Platz für ein paar hundert Überreste. Die Toten wie die Lebenden. Die Lebenden wie die Toten, denke ich.


    Ernst – hier amtlich geführt als Ernest und von Familie wie Freunden nur Ernie genannt, Cousin meines Vaters, und damit eigentlich ein entfernter Verwandter, der mich nichts angehen müsste – hatte zuletzt in einem der Hochhäuser außerhalb der Stadt gelebt. 30 Stockwerke. Auf jedem Stockwerk ein Dutzend Einraum-Appartements, vorwiegend bewohnt von Menschen jenseits der 70. Billigmarmor. Hausnotruf. Müllschlucker. Je weiter oben, umso teurer. Ernst wohnte auf der 15. Etage. Mit Seeblick. Aber dann bauten sie zwei weitere Türme. Er hing ein Transparent aus dem Fenster, ein weißes Betttuch mit Sprühfarbe beschriftet: „Stop here“! Danach war es vorbei mit der Aussicht.


    Ich bin heute in etwa so alt wie er damals war, als wir uns das erste Mal trafen. In der Ankunftshalle eines Flughafens; in einem Teil der Welt, die man zu seiner Zeit noch die neue nannte. Seine Zeit – das waren die 60er. Sie liegen fast ein viertel Jahrhundert zurück, als ich ihn zwischen Dutzenden von Abholern in der Halle sofort erkenne. Heute fast un-vorstellbar: die Verabredung zweier Unbekannter auf einem Großstadt-flughafen. Ohne mobiles Telefon, nicht einmal aktuelle Fotos hatten wir voneinander. Die Fotos, die ich von ihm kannte, ein halbes Dutzend vielleicht, waren säuberlich eingeklebt in einem Album, dessen Seiten aus schwarzem Karton von knisterndem Transparentpapier getrennt wurden. Zu sehen waren darauf zwei blondhaarige Zwanziger, der eine – mein Vater – etwas größer und etwas älter, sein Cousin häufig mit einem irritiert wirkenden Blick am Objektiv der Kamera vorbei. Verloren – so würde ich es heute sagen, damals hatte ich kein Wort für meinen Ein-druck, während mein Vater die Albumseiten umblätterte. Keines der Bilder zeigte die beiden ohne Zigarette, meist standen sie dicht beieinander. Einige Fotos waren an Bord eines Schiffes entstanden – im Hintergrund ein weiter Horizont. Wie Freunde sahen die beiden darauf nicht aus. Eher schon hätten sie Brüder sein können, dabei mein Vater in der Rolle des Älteren: nachsichtig zwar gegenüber dem Jüngeren, aber nicht ohne Vorbehalte. Vorbehalte, über die er damals kein Wort verlor.


    Es ist ein gutes Land, sagt Ernst, als wir eine halbe Stunde später auf dem Highway der Stadt entgegenfahren. Links von uns drei weitere Fahrspuren. Rechts ebenfalls. Kaum jemand überholt. Die Schilder am Fahrbahnrand mahnen zu maximal 80 km/h. Der alte, dunkelbraun lackierte Ford lärmt aufdringlich. Ernst zieht die Schultern nach oben und macht mit der Rechten eine wegwerfende Bewegung. Der Auspuff. Who cares? Unsere Scheiben haben wir nach unten gekurbelt, selbst der Fahrtwind ist heiß. Ich schaue den Cousin meines Vaters von der Seite an, das Brüderliche. Nur die Falten sind bei ihm tiefer. Die Haut gebräunter. Die Art zu rauchen, lässiger. Einen Arm im offenen Fenster, die Hand auf dem Lenkrad nur lose aufliegend, fingert er mit der freien Hand nach der breiten Packung, fischt mit den Lippen eine Zigarette raus und hält mir die Packung hin. Wortlos. Ich bediene mich, während er den Zigarettenan-zünder drückt. Im Außenspiegel ist der Hinweis eingraviert: „objects in mirrow are closer than they appear.“


    Meine Mutter war mit den Vorbehalten gegenüber Ernst weniger zurückhaltend. Ärger, immer nur Ärger habe dieser Mann gemacht. Und immer auf Kosten Deines Vaters, sagt sie mir, als wir Wochen vor meiner Reise beim Mittagessen sitzen. Ich frage nicht nach, was das genau zu bedeuten hat. Ich kenne die Geschichte:….

    Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de

  • See aus Nougat

    Juli 28th, 2022

    Ich erinnere mich an Elfi. Sie war neu in der Gruppe und anfangs mochte ich sie nicht. Aber das war ein Unfall. Verursacht durch meinen Freund Viktor, der von Elfi gesprochen hatte, bevor ich sie das erste Mal zu Gesicht bekam. Was genau er über sie zu berichten hatte, ist mir entfallen. Es wird wohl eine Nichtigkeit gewesen sein. Wie das meiste, was Viktor zu sagen hatte. Aber der Name! Wer hieß heute noch Elfi? Selbst wenn „heute“ aus heutiger Sicht auch schon wieder lange zurück liegt. Fast vier Jahrzehnte. Ich hatte eine Tante (und habe sie noch), die denselben Namen trägt, eine Schwester meiner Mutter, die es ihrerseits bis heute vermeidet, den Namen auszusprechen und stattdessen nur „meine Schwester“ sagt, wenn sie von Elfi spricht. Wobei es sich natürlich um eine Abkürzung handelt – für die noch altertümlichere Elfriede, für meine damaligen Abiturientenohren erst recht ein Namensrelikt, das in seiner sonderbaren Exotik nur noch übertroffen wird durch die von meiner Mutter schon damals verwendete Koseform „Friedchen“. Ein kleiner Friede. Ein irgendwie putziges Einverständnis. Man sieht Gartenzwerge ums Feuer sitzen. Wenn man außerdem weiß, dass meine Tante infolge eines ernsthaften Augenleidens mit dem Blick einer irritierten Eule in die Welt schaut, klein gewachsen ist und immer einen irgendwie verschreckten Eindruck macht, dann weiß man, warum ich gelinde gesagt nur wenig erwartete, als mir Viktor von unserer neuen Mitbewohnerin erzählte.

    Und dann tauchte Elfi in unserer Küche auf. Jeans, Pulli, kurzes Haar, mittlere Größe, schlank. Eher der männliche Typ und unauffällig. Sie schaute nicht gerade wie eine halbblinde Eule in die Welt, aber doch etwas schläfrig. Alles in allem gab es an ihr nichts von dem zu sehen, was mich üblicherweise interessierte. Ich konnte sie in Ruhe anschauen, denn sie schien mich nicht zu bemerken. Als wäre sie bei uns seit jeher zu Hause, öffnete sie die Schubladen unterhalb der Arbeitsplatte und schloss sie wieder, bis sie am Ende fand, was sie suchte. Das Streichmesser in der Hand setzte sie ihre Exkursion fort, Einsilbiges austauschend mit Viktor und den anderen, während ich nur dasaß, ihren Bewegungen folgte und rauchte. Es rauchten ja alle. Damals. Auch in der Küche. Eigentlich immer hing eine blaue Dunstwolke zwischen dem hölzernen Esstisch und der vergilbten Altbaudecke. Elfie allerdings war Nichtraucherin. Und ernährte sich vegetarisch. Auch das hatte Viktor schon in Erfahrung gebracht und es zählte zu den Informationen, die er mir neben dem Namen bei seinem Bericht über „die Neue“ übermittelt hatte. Von mir quittiert mit dem Hinweis, dann habe Elfi ja schon gleich zwei Dinge mit dem Führer gemeinsam. Viktor gefiel das und er schlug vor, wie könnten sie ja Elfi Braun nennen. Oder Elfi Riefenstahl, fiel mir ein.

    Am Küchentisch aber war ich es dann, der sie wie durch das Suchfenster einer unsichtbaren Kamera beobachtete. Und der Einzelheiten mit einer Art Zoom-Einstellung merkwürdig vergrößert und auch etwas verlangsamt wahrnahm. Nach dem Streichmesser sah ich sie das Brot suchen. Was vergleichsweise einfach war, denn das Brot wurde im Brotkasten verwahrt. Und auch das Messer mit Wellenschliff, das sie als nächstes suchen würde, war leicht zu entdecken: gleich neben dem Brotkasten im Messerblock. Genauso zielstrebig griff Elfi nach einem der Schneidebretter, die hinter dem Herd an der Wand lehnten, hielt den Brotlaib sicher mit der linken Hand, als gelte es ein entflohenes Huhn am Boden zu halten und trennte mit wenigen, gut dosierten Bewegungen eine Scheibe ab. Welcher Belag? Auch sie schien sich das erst jetzt, in diesem Augenblick zu fragen. Sie blickte sich um und entdeckte das Tablett mit den süßen Aufstrichen: Diverse Marmeladen, Nougatcreme, Honig und Erdnussbutter. Für letztere hatten Viktor und ich eine ausgeprägte Vorliebe. Wir aßen sie am liebsten mit roter Marmelade auf weißem Brot und ich weiß noch, dass ich kurz hoffte, auch Elfi solle sich das Brot mit passierten Erdnüssen bestreichen. Eine Hoffnung, die mich schon hätte können erahnen lassen, was in den kommenden Tagen passieren würde. Aber ich war ganz Kamera. Ohne eigenes Urteil in diesen Momenten. Und vielleicht gerade deshalb schon verliebt.

    Endgültig aber schnappte die Falle erst in der nächsten Einstellung zu: Als sich Elfi für die Nougatcreme entschied. Ein frisches Glas – und dieses Detail könnte von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung zwischen Elfi und mir gewesen sein….

    Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de

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