
Erik trinkt seinen Tee mit Milch. Jeden Tee. An diesem Morgen ist es ein Pfefferminztee. Der Beutel schwimmt in einem Becher aus Pappe. Er schwimmt obenauf, weil die Maschine mit dem heißen Wasser gleich am Anfang der Kantinentheke steht. Die Teebeutel gibt es aber erst an der Kasse. Dann noch der Weg von der Kasse bis zum Tisch, die Zeit, die man braucht, um eine Stelle zu finden, an der sich die Umverpackung des Teebeutels aufreißen lässt – dann endlich, wenn die Wassertemperatur längst weit unter den 100 Grad liegt, die das Teewasser haben sollte, aber schon beim Austritt aus der Maschine nicht hatte, berührt das fein gewobene Teesäckchen endlich die Wasseroberfläche und schwimmt darauf wie eine Luftmatratze im Hotelpool.
Nur ganz allmählich saugen sich die Reste von Teeblättern, die in dem Beutel vertrocknet beieinander liegen, voll mit Wasser und geben dabei einen Hauch von Farbe an ihre Umgebung ab. Wenn man nur zusieht und gar nichts tut, so wie Erik, wird das Wasser kalt sein, bevor der Tee fertig ist. Ich muss mich beherrschen, um nicht zu seinem Tablett hinüber zu greifen und an dem kleinen Papier-Quadrat zu ziehen, das am anderen Ende der Teeschnur, außen an der Tasse, baumelt.
Erik weiß nicht, wie man Beuteltee zubereitet. Nur, dass die Engländer ihren Tee mit Milch trinken, das haben sie ihm zu Hause erzählt. Das weiß er. Und jetzt, da er selbst zum ersten Mal hier ist, in Europa, will er beweisen, dass er sich auskennt. Von der Kantinentheke hat er sich eine kleine Packung Vollmilch mit an den Tisch gebracht. Sie ist leicht zu öffnen, ein Drehverschluss, aus dem die Milch in einem dicken Strahl hinaus fließt. Sie trifft den schwimmenden Teebeutel mit einiger Wucht und drückt ihn unter Wasser. Mit einem Teelöffel rührt Erik das Weiße unter das Durchsichtige. Der Faden, an dem der Teebeutel hängt, wickelt sich um den Löffel. Jetzt schwimmt auch das kleine Papierquadrat auf dem Milchtee.
Erik zeigt seine weißen Zähne. Milchzähne, denke ich, denn die beiden Reihen mit den großen Zähnen leuchten wie frische Milch in seinem schwarzen Gesicht, wenn er lacht. Er lacht über sich selbst, über sein Ungeschick im Umgang mit kontinental-europäischen Gepflogenheiten. Vielleicht lacht er aber auch über die Gepflogenheiten. Über die Umstände und die Mühen, die wir uns mit den aller einfachsten Dingen machen.
Dort, wo Erik herkommt, trinkt man Wasser aus dem Brunnen oder aus dem Fluss, obwohl man beides nicht trinken sollte, wenn es nicht vorher eine Weile auf dem Feuer gestanden hat. Trotzdem tut es jeder, zumindest jeder, der arbeiten muss auf den Feldern. Den Pflug ziehen sie dort noch selbst, weil die meisten Tiere die Dürre und die Hitze nicht über-leben. Irgendwann sind sie so entkräftet, dass sie einfach keinen Schritt mehr tun auf dem Acker. Dann treiben wir sie aus dem Dorf, sagt Erik und macht eine Handbewegung über dem Kopf. Man versteht, dass sie die Tiere mit Stöcken schlagen. Danach kümmert sich niemand mehr um sie. They die, sagt Erik. Sie töten sie nicht. Sie lassen sie einfach sterben, irgendwo hinter dem Horizont.
Hier, in den Stockwerken über uns, sterben sie auch. Täglich. Trotzdem ist in der Universitätsklinik die Regel eher die Ausnahme. Die meisten verlassen diesen Ort gesünder als sie gekommen sind. Einige werden sogar geheilt. Auf dem Weg von der Röntgenstation zur Kantine haben wir Studenten gesehen. In kleinen Gruppen saßen sie an den Tischen in den Fluren, ihre Laptops vor sich. How long to be a doctor? wollte Erik wissen. Viele Jahre, sagte ich, weil ich die Antwort nicht genau kannte und Erik zeigte seine Zähne. Dann könne er wohl kein Arzt werden. Nein, wahrscheinlich nicht. Eigentlich interessiert er sich auch eher für Autos. Eine Ausbildung zum Mechaniker will er machen, wenn er bleiben darf. Und bleiben darf er, wenn es stimmt, dass er noch nicht erwachsen ist.
Deshalb sind wir hierher gekommen: um das zu beweisen. Um zu beweisen, dass sie ihm bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum in die Papiere gestempelt haben. So können sie ihn am schnellsten wieder abschieben. Aber Erik ist ihnen entwischt. In ein paar Wochen werden sie ihn bei der Polizei zur Fahndung ausschreiben. Bis dahin brauchen wir den Beweis: ein Röntgenbild seiner Handwurzel, eine Aufnahme vom Innenleben der schwarzen Hand, die er in diesem Moment umständlich abknickt, um den quadratischen Papieranhänger der Teeschnur aus seinem Pappbecher zu fischen. Dann nimmt er die andere Hand hinzu, umgreift den Becher von beiden Seiten und führt ihn an die Lippen. Bei jedem Schluck bewegt sich in seinem Hals ein beachtlicher Adamsapfel auf und ab.
Ich frage ihn, ob das eben seine erste Röntgenaufnahme war und verwende dafür das englische Wort für Röntgen: „X-Ray“. Er weiß nicht, was ich meine. Ob früher schon mal jemand in ihn hineingesehen habe, formuliere ich neu. Erik schüttelt den Kopf: Machine like this. In Africa: no! Jetzt zeige ich meine Zähne und löffle aus einem kleinen Einmachglas den Rest des Joghurts, den ich mir an der Kantinentheke zum Frühstück ausgesucht habe, um wenigstens irgendetwas gegessen zu haben, bevor sie uns das Ergebnis mitteilen.
Wir können es uns gleich im Zimmer des Arztes abholen – zwei Stunden nachdem sie Erik in eines der Röntgenzimmer gerufen haben. Es wird sogar ein kurzes Gespräch geben. Der Arzt – es ist der Chef der Kinderklinik persönlich, ein junger Mann noch, schlank und mit ehrlichen Augen – wird uns an seinen langen Tisch bitten, auf dem schon ein großformatiges Buch bereit liegt: ein Bildband, mehrere hundert Seiten. Auf Englisch wird er uns erklären, dass man in diesem Buch erfährt, was die Röntgenbilder zu bedeuten haben. Auf jeder Seite ist eine neue Röntgenaufnahme abgebildet. Auf der Seite daneben ist aufgeschrieben, was genau zu sehen ist.
Es gibt zwanzig Aufnahmen von Handwurzeln, für jedes Lebensjahr eine. Die Bilder tragen gleichförmig formulierte Überschriften: Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 1 Jahr alt. Dann, eine Seite weiter: Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 2 Jahre alt. Man sieht, wie die Hand größer wird. Der Arzt blättert Seite für Seite um. Als er beim zehnten Lebensjahr ankommt, zieht er einen Stift aus der Brusttasche seines weißen Kittels und zeigt auf eine Stelle am Handgelenk. Man sieht, was es nur in der Negativwelt der Röntgenbilder gibt: einen weißen Schatten zwischen zwei Knochenteilen. Wachstumsfugen, sagt der Arzt. Der Körper lässt Platz für das, was noch zuwachsen muss. Ich denke: Wir sind auf Lücke gebaut. Mit jeder Seite, die der Arzt umblättert, werden die Lücken kleiner. Aufnahme der Handwurzel eines männlichen Patienten, 16 Jahre alt: Jetzt sieht man die weißen Schatten nur noch, wenn man sie schon vorher verstanden hat. Beim 18jährigen Patienten sind sie fast verschwunden, zwei Seiten später sind sie tatsächlich weg. Danach kommt nichts mehr. Das Kapitel Wachstum endet – was die Knochen betrifft – im Alter von 20.
Dann schaltet er das Licht hinter der Aufnahme an, die man vor zwei Stunden von Eriks Handwurzel gemacht hat. Sie zeigt nicht den Hauch eines Schattens. You must be older than 18, sagt der Arzt und dabei schaut er Erik an, als habe er ihm soeben einen Tumor in seiner Lunge erklärt. Es tut ihm tatsächlich leid. Er hätte Erik gerne zu einem Argument verholfen, zu einem Bildbeweis, den er hätte vorzeigen können – bei Gericht, als Argument gegen seine Abschiebung, als Bestätigung dafür, dass er den ganzen Weg nicht umsonst gemacht hat: die 5-tägige Fahrt mit zwölf anderen auf der Ladefläche eines Toyota-Jeeps quer durch die Wüste, das Lager in Libyen, die Zeit der Zwangsarbeit dort, die Toten überall und das kleine Kind, das ihm mit einem Messer fast den Arm zersticht; die Überfahrt mit dem Schlauchboot, in dem sie drei selbsternannte Steuermänner über Bord werfen, weil sie irgendwann zugeben müssen, dass sie in Wirklichkeit keinen Schimmer davon haben, wie man ein Boot über das Mittelmeer bringt; schließlich das Versteck unter den Autos auf einem Autozug, der fabrikneue Modelle von Mailand nach München fährt; die erfolglose Flucht vor der Polizei dort, dann die Überstellung in das Auffanglager, wo man ihm die Volljährigkeit in die Papiere stempelt.
Jetzt soll er auf schnellstem Weg wieder zurück – zurück an einen Ort, von dem es im Internet eine Satellitenansicht gibt, den es aber für ihn nicht mehr gibt. Es gibt kein früheres Leben mehr, kein Herkommen, keine Vergangenheit. Aber ohne die weißen Schatten, gibt es auch keine Zukunft. Nicht hier.
Der Arzt wird versuchen, tröstende Worte zu finden: Auch das zeige ja die Aufnahme seiner Knochen: dass ihm nichts fehle. Ein gesunder junger Mann sei er: Das ist auch sehr wichtig. Very important. Erik wird dazu nicken, gleichzeitig wird sich sein Adamsapfel nervös auf und ab bewegen. Die feuchten Augen wird er hinter der Hand verstecken, deren Innenleben ihn überführt hat und die er dem Arzt zum Abschied hinhält, wenn der ihm viel Glück wünscht und alles Gute.
Und zwei Monate später werde ich über eine Anwältin erfahren, dass man Eriks Handwurzel schon einmal untersucht hat – gleich am Anfang, als er ankam im deutschen Auffanglager, als sie seine Angaben zum Alter überprüft haben. Einen Moment lang werde ich mich über die dreihundert Euro ärgern, die ich für die Chefarztbehandlung gezahlt habe. Aber jetzt sitze ich mit Erik beim Frühstück in der Kantine der Universitätsklinik. Er kann nichts essen und will nur einen Tee trinken. Einen Tee mit Milch, wie ihn die Engländer mögen.