Vatersohn

Früher, in der alten Zeit, als man noch mit einem Bleistift in den Kalender eintrug, was man nicht vergessen wollte oder jedenfalls meinte nicht vergessen zu sollen, da hätte ich diesen 15. April ebenso unbemerkt verstreichen lassen wie den 15. April des vergangenen Jahres und des Jahres davor oder des Jahres davor oder des Jahres davor. Für den 15. April hätte es in den letzten drei, fast vier Jahrzehnten keinen Eintrag gegeben. Nur sehr viel früher, als ich noch gar keinen Kalender führte, hätte ich schon beim Erwachen am Morgen des 15. April daran gedacht, dass Mark seinen Geburtstag feiert. Am Nachmittag wäre ich eingeladen gewesen: zu einem Fest mit Schokoladen-Wettessen und Luftballons. Vielleicht mit einem Ausflug in den Wald. Mark lebte am Waldrand. Vor den Rollladen seines Fensters schlugen die Äste der Bäume, wenn es stürmte. Vielleicht habe ich sieben oder acht dieser Geburtstage mit ihm gefeiert. Vielleicht waren es einige mehr. Vielleicht einige weniger. Was weiß man schon?

Irgendwann, soviel ist sicher, haben wir uns – wie man so sagt – aus den Augen verloren. Und sind uns damit aus dem Sinn gegangen, dem Sprachgebrauch gefolgt. Nichts weiter. Kein Streit. Keine besonderen Vorkommnisse. Nur das Übliche. Das Übliche, das passiert, während wir nicht hinsehen. Der sogenannte Lauf der Dinge – neuerdings aufgezeichnet von Computerprogrammen, die nahezu jeden Menschen auf der Welt namentlich zu kennen scheinen und ihn mit allen übrigen Menschen bekannt zu machen streben; die aufzeichnen, speichern und auf Nachfrage die Inhalte ihres potentiell unendlichen Gedächtnisses reproduzieren.

Erst mit Hilfe dieser Intelligenz, die man künstlich nennt, wurde ich eines Tages wieder an den Geburtstag von Mark erinnert. Jahr für Jahr: Gratuliere Mark zum Geburtstag! Ich bin der Aufforderung nie gefolgt. Ebenso wenig wie er, wenn im Sommer, vier Monate nach seinem Geburtstag, der Hinweis auf den Jahrestag meiner Geburt in seinem Mailprogramm auftauchen musste. Wir hatten unsere lange zurückliegende Freundschaft digitalisiert. Aber nicht aktiviert. Wir standen in einer ruhenden Verbindung. Außerhalb der als „Timeline“ bezeichneten Reichweite des Computerprogramms. Uneinholbar vergangen.

Trotzdem schaue ich mir diesmal die Einträge an. Einer Eigenart folgend überspringe ich die opeben Einträge und fange weiter unten an zu lesen, bei den älteren Einträgen. Ein kurzes Wischen führt mich drei Jahre zurück in ein Universum, das ich nicht kenne, geschweige denn wieder erkenne. Mark züchtet jetzt Hunde. Amerikanische Bulldoggen. Hässliche Tiere. Sogar die Neugeborenen, fotografiert im Rotlicht einer Wärmelampe, erinnern mich an missgestaltete Embryonen. Aber die Biester holen sogar Preise bei internationalen Wettbewerben.

Dann, zwei Jahre alt, erscheint ein dunkles Bild. Fast schwarz. Erst bei genauerem Hinsehen sehe ich schemenhaft die Umrisse eines Gesichts, dessen Besitzer niemand näher kennenlernen möchte. Darunter hat Mark notiert:

„Nur weil Du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind.“

Das nächste Bild zeigt einen unförmig dicken Mann, der eingeklemmt hinter dem Lenker seines fahrenden Wohnzimmersessels sitzt, einer Art elektrisch betriebenem Einkaufswagen. Er trägt eine Batman-Maske und ein zelthaftes schwarzes T-Shirt. Dazu schreibt Mark ein paar Zeilen über seinen Versuch, beim Discounter Gambas zu kaufen:

„Alter! Überall diese Einkaufspaniker, die meinen es gäbe nächste Woche nix mehr…parken wie Mongos schräg über 2 Parktaschen…dem nächsten der mich mit dem Einkaufswagen anrempelt, hau ich eine rein…“

Weiter unten erzählt er, der Einkauf habe ihn am Ende derart ermüdet, dass er schließlich doch im Fast Food Restaurant gelandet sei. Und ein Foto lässt ahnen, dass er dort inzwischen Stammgast ist: Ich schätze sein Übergewicht auf rund drei Zentner. Das einzige, was mir an diesem Mann noch bekannt vorkommt, ist die Art, wie er die qualmende Zigarette im Mundwinkel hängen hat. Genau so haben wir damals schon geraucht. Heimlich. Hinter Gebüschen und an Bahndämmen. Meist eine ganze Packung, weil keiner die übrig gebliebenen Zigaretten bei sich verstecken wollte. Schon gar nicht Mark. Sein Vater, sagte er damals, würde ihn auseinandernehmen, wenn er die Kippen fände. Auseinandernehmen. Dem Dicken auf dem Foto wird gleich der Rauch im linken Auge brennen. Deshalb kneift er es etwas zu. Das Bild ist schwarz-weiß, aber ich weiß, dass es ein grünes Auge ist. Grün mit einem inneren Kranz in Gelb, der wie ein Sonnenring die tiefschwarze Pupille einfasst.

Ich erinnere mich, wie er über mir liegt. Sein Gewicht auf mir, seine Hände an meinen Handgelenken wie festgenagelt neben meinen Ohren. Alle in der Schule nennen ihn den „starken Mark“. Alle haben Angst. Und an diesem Tag bin ich dran. Einfach so, denn Gründe braucht Mark nicht. Ich kann mich nicht bewegen, und er kommt mit seinem Gesicht ganz nah an meines. Ich sehe den Sonnenring im grünen Auge, etwas verborgen hinter dem Augenlied. Dann sagt er: Rotze gefällig? Und grinst. Ich weiß, was kommt. Ich habe gesehen, wie er das bei anderen gemacht hat, habe im Kreis seiner Zuschauer gestanden wie bei einem Boxkampf. Unter den Wangenknochen bewegt sich etwas. Es sieht aus, als ob er auf etwas kaut oder etwas hervorholt von unten. In der Mundhöhle höre ich es schmatzen. Dann quellen weiße Bläschen zwischen den Lippen hervor, Milchiges sammelt sich. Man kann den Kopf zur Seite drehen, aber das wird nichts nutzen. Nur nicht auf den Mund schauen. Stattdessen: Ein schwarzer Kreis, ein Sonnenring. Innen alles in Aufruhr. Vibrieren. Ich weiß: Das Milchige ist schon unterwegs zu mir, aber es kommt nicht an. Er hat es zurückgeholt. Im letzten Moment wieder eingesaugt.

Ich zoome aus dem Auge heraus, sehe, dass sich in seinem Hals etwas bewegt. Da, wo später ein Adamsapfel wachsen wird. Mark grinst. Er lockert seinen Griff an meinen Handgelenken, das Gewicht auf mir verschwindet. Er steht auf. Dann reicht er mir seine Hand, hilft mir nach oben. Ich weiß nicht, warum er das macht. Eine Ausnahme macht. Bei mir. Er sagt, so dass nur ich es hören kann: Komm mit. Und wir gehen – an den anderen vorbei. Seine Hand liegt auf meiner Schulter. Seitdem sind wir befreundet. Einladungen zum Geburtstag, Sommernachmittage im Wald, Sprünge vom Fünfmeter-Turm des Freibads, Hand in Hand, Busfahrten in die Ferienfreizeit, Fahrradtouren.

Einmal, zwei Jahre nach der Hand auf meiner Schulter, vielleicht auch drei, sitzen wir im Wohnzimmer seiner Eltern auf dem Fußboden…

Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de


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