
Auch dieser See hat ein gegenüberliegendes Ufer. Es liegt hinter der Erdkrümmung, hinter dem, was wir den Horizont nennen. Nur deshalb konnte er damals hierher umziehen. Weil der See, vom Ufer aus betrachtet, genauso gut ein Meer sein könnte. Und ohne Meer, sagte er immer, könne er nicht leben. Deshalb ist sein Name jetzt in diesem Teil der Welt eingraviert. In einer Marmorplatte, etwas größer als ein Handteller. Die Buchstaben seines ursprünglich sehr deutschen Vornamens und des holländischen Nachnamens, den wir teilen, mit leichtem Schwung ausgeführt. Goldfarben. Ein halbes Dutzend freistehender, meterhoher Wände haben sie auf einem hügeligen Gelände oberhalb des Sees hintereinander aufgereiht, in jeder Wand Platz für ein paar hundert Überreste. Die Toten wie die Lebenden. Die Lebenden wie die Toten, denke ich.
Ernst – hier amtlich geführt als Ernest und von Familie wie Freunden nur Ernie genannt, Cousin meines Vaters, und damit eigentlich ein entfernter Verwandter, der mich nichts angehen müsste – hatte zuletzt in einem der Hochhäuser außerhalb der Stadt gelebt. 30 Stockwerke. Auf jedem Stockwerk ein Dutzend Einraum-Appartements, vorwiegend bewohnt von Menschen jenseits der 70. Billigmarmor. Hausnotruf. Müllschlucker. Je weiter oben, umso teurer. Ernst wohnte auf der 15. Etage. Mit Seeblick. Aber dann bauten sie zwei weitere Türme. Er hing ein Transparent aus dem Fenster, ein weißes Betttuch mit Sprühfarbe beschriftet: „Stop here“! Danach war es vorbei mit der Aussicht.
Ich bin heute in etwa so alt wie er damals war, als wir uns das erste Mal trafen. In der Ankunftshalle eines Flughafens; in einem Teil der Welt, die man zu seiner Zeit noch die neue nannte. Seine Zeit – das waren die 60er. Sie liegen fast ein viertel Jahrhundert zurück, als ich ihn zwischen Dutzenden von Abholern in der Halle sofort erkenne. Heute fast un-vorstellbar: die Verabredung zweier Unbekannter auf einem Großstadt-flughafen. Ohne mobiles Telefon, nicht einmal aktuelle Fotos hatten wir voneinander. Die Fotos, die ich von ihm kannte, ein halbes Dutzend vielleicht, waren säuberlich eingeklebt in einem Album, dessen Seiten aus schwarzem Karton von knisterndem Transparentpapier getrennt wurden. Zu sehen waren darauf zwei blondhaarige Zwanziger, der eine – mein Vater – etwas größer und etwas älter, sein Cousin häufig mit einem irritiert wirkenden Blick am Objektiv der Kamera vorbei. Verloren – so würde ich es heute sagen, damals hatte ich kein Wort für meinen Ein-druck, während mein Vater die Albumseiten umblätterte. Keines der Bilder zeigte die beiden ohne Zigarette, meist standen sie dicht beieinander. Einige Fotos waren an Bord eines Schiffes entstanden – im Hintergrund ein weiter Horizont. Wie Freunde sahen die beiden darauf nicht aus. Eher schon hätten sie Brüder sein können, dabei mein Vater in der Rolle des Älteren: nachsichtig zwar gegenüber dem Jüngeren, aber nicht ohne Vorbehalte. Vorbehalte, über die er damals kein Wort verlor.
Es ist ein gutes Land, sagt Ernst, als wir eine halbe Stunde später auf dem Highway der Stadt entgegenfahren. Links von uns drei weitere Fahrspuren. Rechts ebenfalls. Kaum jemand überholt. Die Schilder am Fahrbahnrand mahnen zu maximal 80 km/h. Der alte, dunkelbraun lackierte Ford lärmt aufdringlich. Ernst zieht die Schultern nach oben und macht mit der Rechten eine wegwerfende Bewegung. Der Auspuff. Who cares? Unsere Scheiben haben wir nach unten gekurbelt, selbst der Fahrtwind ist heiß. Ich schaue den Cousin meines Vaters von der Seite an, das Brüderliche. Nur die Falten sind bei ihm tiefer. Die Haut gebräunter. Die Art zu rauchen, lässiger. Einen Arm im offenen Fenster, die Hand auf dem Lenkrad nur lose aufliegend, fingert er mit der freien Hand nach der breiten Packung, fischt mit den Lippen eine Zigarette raus und hält mir die Packung hin. Wortlos. Ich bediene mich, während er den Zigarettenan-zünder drückt. Im Außenspiegel ist der Hinweis eingraviert: „objects in mirrow are closer than they appear.“
Meine Mutter war mit den Vorbehalten gegenüber Ernst weniger zurückhaltend. Ärger, immer nur Ärger habe dieser Mann gemacht. Und immer auf Kosten Deines Vaters, sagt sie mir, als wir Wochen vor meiner Reise beim Mittagessen sitzen. Ich frage nicht nach, was das genau zu bedeuten hat. Ich kenne die Geschichte:….
Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de