
Ich erinnere mich an Elfi. Sie war neu in der Gruppe und anfangs mochte ich sie nicht. Aber das war ein Unfall. Verursacht durch meinen Freund Viktor, der von Elfi gesprochen hatte, bevor ich sie das erste Mal zu Gesicht bekam. Was genau er über sie zu berichten hatte, ist mir entfallen. Es wird wohl eine Nichtigkeit gewesen sein. Wie das meiste, was Viktor zu sagen hatte. Aber der Name! Wer hieß heute noch Elfi? Selbst wenn „heute“ aus heutiger Sicht auch schon wieder lange zurück liegt. Fast vier Jahrzehnte. Ich hatte eine Tante (und habe sie noch), die denselben Namen trägt, eine Schwester meiner Mutter, die es ihrerseits bis heute vermeidet, den Namen auszusprechen und stattdessen nur „meine Schwester“ sagt, wenn sie von Elfi spricht. Wobei es sich natürlich um eine Abkürzung handelt – für die noch altertümlichere Elfriede, für meine damaligen Abiturientenohren erst recht ein Namensrelikt, das in seiner sonderbaren Exotik nur noch übertroffen wird durch die von meiner Mutter schon damals verwendete Koseform „Friedchen“. Ein kleiner Friede. Ein irgendwie putziges Einverständnis. Man sieht Gartenzwerge ums Feuer sitzen. Wenn man außerdem weiß, dass meine Tante infolge eines ernsthaften Augenleidens mit dem Blick einer irritierten Eule in die Welt schaut, klein gewachsen ist und immer einen irgendwie verschreckten Eindruck macht, dann weiß man, warum ich gelinde gesagt nur wenig erwartete, als mir Viktor von unserer neuen Mitbewohnerin erzählte.
Und dann tauchte Elfi in unserer Küche auf. Jeans, Pulli, kurzes Haar, mittlere Größe, schlank. Eher der männliche Typ und unauffällig. Sie schaute nicht gerade wie eine halbblinde Eule in die Welt, aber doch etwas schläfrig. Alles in allem gab es an ihr nichts von dem zu sehen, was mich üblicherweise interessierte. Ich konnte sie in Ruhe anschauen, denn sie schien mich nicht zu bemerken. Als wäre sie bei uns seit jeher zu Hause, öffnete sie die Schubladen unterhalb der Arbeitsplatte und schloss sie wieder, bis sie am Ende fand, was sie suchte. Das Streichmesser in der Hand setzte sie ihre Exkursion fort, Einsilbiges austauschend mit Viktor und den anderen, während ich nur dasaß, ihren Bewegungen folgte und rauchte. Es rauchten ja alle. Damals. Auch in der Küche. Eigentlich immer hing eine blaue Dunstwolke zwischen dem hölzernen Esstisch und der vergilbten Altbaudecke. Elfie allerdings war Nichtraucherin. Und ernährte sich vegetarisch. Auch das hatte Viktor schon in Erfahrung gebracht und es zählte zu den Informationen, die er mir neben dem Namen bei seinem Bericht über „die Neue“ übermittelt hatte. Von mir quittiert mit dem Hinweis, dann habe Elfi ja schon gleich zwei Dinge mit dem Führer gemeinsam. Viktor gefiel das und er schlug vor, wie könnten sie ja Elfi Braun nennen. Oder Elfi Riefenstahl, fiel mir ein.
Am Küchentisch aber war ich es dann, der sie wie durch das Suchfenster einer unsichtbaren Kamera beobachtete. Und der Einzelheiten mit einer Art Zoom-Einstellung merkwürdig vergrößert und auch etwas verlangsamt wahrnahm. Nach dem Streichmesser sah ich sie das Brot suchen. Was vergleichsweise einfach war, denn das Brot wurde im Brotkasten verwahrt. Und auch das Messer mit Wellenschliff, das sie als nächstes suchen würde, war leicht zu entdecken: gleich neben dem Brotkasten im Messerblock. Genauso zielstrebig griff Elfi nach einem der Schneidebretter, die hinter dem Herd an der Wand lehnten, hielt den Brotlaib sicher mit der linken Hand, als gelte es ein entflohenes Huhn am Boden zu halten und trennte mit wenigen, gut dosierten Bewegungen eine Scheibe ab. Welcher Belag? Auch sie schien sich das erst jetzt, in diesem Augenblick zu fragen. Sie blickte sich um und entdeckte das Tablett mit den süßen Aufstrichen: Diverse Marmeladen, Nougatcreme, Honig und Erdnussbutter. Für letztere hatten Viktor und ich eine ausgeprägte Vorliebe. Wir aßen sie am liebsten mit roter Marmelade auf weißem Brot und ich weiß noch, dass ich kurz hoffte, auch Elfi solle sich das Brot mit passierten Erdnüssen bestreichen. Eine Hoffnung, die mich schon hätte können erahnen lassen, was in den kommenden Tagen passieren würde. Aber ich war ganz Kamera. Ohne eigenes Urteil in diesen Momenten. Und vielleicht gerade deshalb schon verliebt.
Endgültig aber schnappte die Falle erst in der nächsten Einstellung zu: Als sich Elfi für die Nougatcreme entschied. Ein frisches Glas – und dieses Detail könnte von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung zwischen Elfi und mir gewesen sein….
Weiterlesen? Die ganze Geschichte – und noch einige mehr – gibt es demnächst als e-book. Vormerkungen gerne unter: mail@petersprong.de